Unser langjähriger Filmfreund Erich Riess plötzlich verstorben

Unser langjähriger Filmfreund Erich Riess plötzlich verstorben

Erinnerungen von Michael Moor

Fast sein gesamtes Leben lang schlug sein Herz für den nicht-kommerziellen Film in Österreich und darüber hinaus. Sein Herz hat nun aufgehört zu schlagen. Tief betroffen und mit großer Trauer haben wir vom plötzlichen Ableben unseres langjährigen Filmfreundes Erich Riess erfahren müssen.

Ich kenne – leider muss ich schreiben, ich kannte – Erich schon so lange, dass ich eigentlich nicht mehr genau weiß, wann und wo wir uns kennengelernt haben. Aber es wird wohl anlässlich der Staatsmeisterschaft des VÖFA 1978 gewesen sein, die unser Filmclub in Graz organisiert hat. Erich erhielt als junger Filmer für seinen Film „Spätsommer“ eine Anerkennung und den Sonderpreis „Die Goldene Schere“, gestiftet von Fritz Gratzer.

Funktionär des VÖFA

Erich war über Jahrzehnte hinweg ein weithin geschätzter und anerkannter Proponent der heimischen, aber auch der europäischen nicht-kommerziellen Filmszene. Mit ihm verliert der Verband Österreichischer Filmautoren (VÖFA) einen seiner engagiertesten Funktionäre, der schon seit 1978, also mehr als 40 Jahre lang, in mehreren Funktionen im Vorstand des Verbandes gewirkt hat. Mehrere Jahre war er Leiter der Region 3 (Oberösterreich und Salzburg), zuletzt fungierte er als Wettbewerbs-Koordinator. Erst zwei Wochen vor seinem unerwarteten Ableben habe ich mit ihm den neuen Termin unserer Corona-bedingt verschobenen Landesmeisterschaft abgestimmt.

Obmann der Amateurfilmer Linz

Seit 1968 Kamera-Besitzer, war Erich im Jahre 1976 Gründungsmitglied der Amateurfilmer Linz (AFL), deren Obmann er 1981 wurde. Diese Funktion hatte er bis zu seinem Ableben, also fast unglaubliche 40 Jahre inne. Damit ist er wohl der längst dienende Clubleiter im VÖFA. Unser Club pflegte über viele Jahre hinweg ein ausgezeichnetes Verhältnis zu Erich und zum AFL. Neben den vielen persönlichen Treffen bei diversen Filmveranstaltungen gab es Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre auch regelmäßige Clubtreffen zwischen dem AFL, dem Kremser Filmclub und unserem Film- und Videoclub Steiermark. Mitglieder dieser drei Clubs trafen sich zu einem geselligen Wochenende an den jeweiligen Clubstandorten. 1982 besuchten wir in diesem Rahmen auch Linz. Erich organisierte für uns eine Stadtrundfahrt samt Altstadtbummel, eine Fahrt auf den Pöstlingberg, einen Besuch der Linzer Kammerspiele und natürlich kam auch Kulinarisches, bis hin zum Frühschoppen, nicht zu kurz.

Gerne erinnere ich mich auch an die Clubnachrichten des AFL, natürlich herausgegeben von Erich. Neben Berichten vom filmischen Aktivitäten und dem Clubprogramm fand man eine lange Liste der aktuellen Geburtstage von österreichischen und internationalen Filmfreunden. Erich ließ es sich auch nicht nehmen, an viele dieser Filmfreunde persönliche Geburtstagsmails mit besinnlichen Anhängen zu versenden. Sein letztes Geburtstagsmail hat meine Gattin noch im März erhalten. Legendär waren in den AFL-Clubnachrichten auch die vielen Witze, Sprüche und Cartoons, die das humorvolle Wesen von Erich deutlich machten.

Tätigkeit als Juror

Nach seiner Ausbildung zum VÖFA-Juror im Jahr 1976 war Erich viele Jahre lang auch ein gefragtes Mitglied in diversen nationalen und internationalen Wettbewerbs-Jurys der nicht-kommerziellen Filmszene. So war er bereits 1982 bei unserem Clubwettbewerb in Graz als Juror zu Gast. 1985 schickte unser Club alle 15 Beiträge des Clubwettbewerbes per Post zum AFL nach Linz, wo Erich mit seinen Clubkollegen die Besprechung und Bewertung vornahm. Die Video-Aufzeichnung dieser Jurydiskussion kam dann auf VHS-Band samt Filmen wieder retour und wurde im Rahmen unseres Clubwettbewerbes abgespielt. In den von unserem Club veranstalteten Landesmeisterschaften 1981, 2006, 2011 und 2015 war Erich jeweils Jurymitglied und im Jahr 1984 und zuletzt 2018 auch Juror in der von uns durchgeführten Staatsmeisterschaft des VÖFA. Viele von uns werden Erich als umsichtigen und ruhig agierenden Jurypräsidenten im Steiermarkhof in Erinnerung behalten, der seine Worte mit Bedacht, Respekt und Gespür für die Autoren wählte, niemals belehrend oder gar verletzend, ganz wie es seinem ruhigen Wesen entsprach. Ich durfte mit Erich in vielen Jurys zusammenarbeiten, zuletzt erst im Februar bei der Landesmeisterschaft in Villach. Erich war auch Vortragender beim Jurorenseminar.

Regelmäßiger Besucher von Filmfestivals

Erich war nicht nur Juror, sondern auch regelmäßiger Besucher österreichischer und internationaler Wettbewerbe, über Jahrzehnte beliebter Delegationsteilnehmer beim UNICA-Welttreffen, oftmals begleitet von seiner auch filmbegeisterten Gattin Eva. Erich war international wohl der bekannteste österreichische nicht-kommerzielle Filmer. So wie ich, werden sich viele von uns an zahlreiche Begegnungen mit ihm bei diesen Wettbewerben erinnern, stets ruhig und bedacht, aber gut gelaunt und humorvoll. Nach dem Ende der Filmvorführungen haben wir oftmals in seinem Hotelzimmer bei einer Flasche Bier bis tief in die Nacht noch Filmbeiträge diskutiert. Mit Schmunzeln erinnere ich mich an die UNICA im schwedischen Västeras, wo uns im Rahmen des Tagesausflugs als schwedische Spezialität roher Lachs serviert wurde. Erich zauberte plötzlich eine Flasche mit heimischem Schnaps hervor – in Schweden nicht ganz unheikel. Vielen von uns ist Erich auch durch seine jahrelangen Aufzeichnungen sämtlicher Jurybesprechungen bei allen Landesmeisterschaften und Staatsmeisterschaften in Erinnerung, die er im Auftrag des Verbandes gewissenhaft dokumentierte.

Geschäftsführer des Europäischen Videoarchivs

Erich war auch Gründungsmitglied und bis zuletzt Geschäftsführer des Kulturvereins Europäisches Videoarchiv (EVA), dessen Aufgabe die Förderung und Verbreitung nicht-kommerzieller Film- und Videoproduktionen ist. Erich hat in diesem Archiv ca. 20.000 Werke von Filmautoren aus aller Welt zusammengetragen, daneben auch eine beträchtliche Sammlung von fotografischen und kinematografischen Geräten aufgebaut. In dieser Funktion veranstaltete er auch seit 1987 jährlich den Wettbewerb „Oberösterreich im Film“.

Festivaldirektor des Festival of Nations

National und vor allem international große Bekanntheit erlangte Erich auch als Festivaldirektor des „Festivals of Nations“, das er im Jahre 1989 von OSR Wilhelm Elsner, der das Festival in Velden betreut hatte, übernahm. Erich verlegte das Festival in seine oberösterreichische Heimat nach Ebensee am Traunsee und entwickelte es mit vielen Neuerungen weiter, unermüdlich unterstützt durch seine Gattin Eva. Dieses „Festival of Nations“ ist sogar Wikipedia einen Eintrag wert: „Mit jährlich bis zu 1.000 Einreichungen aus aller Welt ist das siebentägige Festival die größte Veranstaltung dieser Art in Österreich. Neben dem abwechslungsreichen Filmprogramm wird das Festival als Begegnungsstätte für junge Filminteressierte und wegen seiner atypisch familiären Atmosphäre, den Workshops für Interessierte und der landschaftlich reizvollen Lage von den Besuchern geschätzt.“ Der Ebenseer Bär in Gold, Silber und Bronze war eine begehrte Trophäe. Dieter Leitner und Susanne waren regelmäßige Besucher dieses Festivals. Seit 2013, also nach 24 Jahren, hat Erich das Festival in jüngere Hände übergeben. Das Festival ist nun nach Lenzing übersiedelt.

Redaktionsleiter der Festschrift “50 Jahre VÖFA”

Erich übernahm, unterstützt durch seine Gattin Eva und einen Grafiker, auch die Redaktionsleitung und Herstellung der Festschrift zum Jubiläum „50 Jahre VÖFA – 1964 bis 2014“, einer umfassenden, 144-seitigen Chronik der Verbandsaktivitäten, die Erich ja zum großen Teil aktiv mitgestaltet hat. Ich durfte dazu einen Beitrag über die Geschichte unseres Film- und Videoclubs Steiermark beisteuern. Es wäre nicht Erich, hätte er diese Mammutaufgabe nicht auch in einem launigen und teilweise selbstkritischen Video mit dem Titel „Die Festschrift“ dokumentiert. Der Beitrag erhielt bei der Staatsmeisterschaft 2015 eine Bronzemedaille.

Auszeichnungen

Aufgrund seines umfangreichen Wirkens für den nicht-kommerziellen Film und die Kultur in Oberösterreich erhielt Erich 1997 das Silberne Ehrenzeichen des Landes. Der VÖFA-Vorstand hatte bereits beschlossen, Erich für seine Verdienste die höchste Auszeichnung des Verbandes, das Goldene Ehrenzeichen mit Brillant, zuzuerkennen. Zur geplanten Verleihung im Rahmen der diesjährigen Österreichischen Staatsmeisterschaften in Millstatt ist es leider nunmehr nicht gekommen.

Erichs plötzlicher Tod hinterlässt eine große Lücke, nicht nur in der österreichischen und internationalen nicht-kommerziellen Filmszene, sondern auch in den Herzen vieler langjähriger Wegbegleiter und Filmfreunde, die sein Heimgang persönlich tief betroffen macht. Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt besonders seiner Frau Eva und seiner Familie.

Der Film- und Videoclub Steiermark

Fotos: Clubarchiv

PARTE: Erich Riess: https://www.leonding.at/fileadmin/content/bestattung/Riess_Parte_www.pdf

Trauerkerze: https://www.wirtrauern.at/todesanzeige/erich-riess

Kondulenzbuch: https://videoclub-linz.jimdofree.com/kontakt/