80. UNICA-Weltmeisterschaft 2018 in Blansko

80. UNICA-Weltmeisterschaft 2018 in Blansko

Die Weltmeisterschaft des nicht kommerziellen unabhängigen Films findet heuer vom 01. bis 08. September 2018 in Blansko in Tschechien statt.

Da ist noch ein Rest vom Hochsommer zu spüren, als wir am 1. September in Blansko in Tschechien ankommen. Im verschlafenen Städtchen unweit von Brünn ist der Veranstaltungsort der UNICA am Samstag, dem Eröffnungstag, nicht schwer zu finden, denn nur an diesem kleinen Straßenabschnitt zwischen Kino und Tagungszentrum sind Menschen auszumachen. Eine Menge bekannter Gesichter, umarmend, händeschüttelnd, ein bisschen aufgeregt und voll der Freude über das jährliche Wiedersehen. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Wort UNICA synonym für den Verband und die jährliche Veranstaltung steht, denn das Festival ist gleichzeitig auch die gelebte Gemeinschaft von treuen Anhängern aus verschiedenen Landesverbänden.

Ich war noch gar nicht so oft dabei, aber eine große Menge der Gesichter kenne ich schon – das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Österreicher mit rund 30 Personen dieses Jahr wohl die größte Landesdelegation stellen.

Für mich ist diese UNICA eine ganz besondere, denn der österreichische Verband hat mich in die diesjährige Jury entsandt. Mit einem leichten Grinsen im Gesicht sitze ich bei der Eröffnungsveranstaltung und freue mich auf alles, was kommt.

Der erste Tag startet stark. Kroatien und Spanien haben ein echt gutes Programm zusammengestellt, ich persönlich finde auch Italien, das sich gleich in zwei Filmen mit dem Thema Migration auseinandersetzt, gut. Der Tag ist lang und intensiv, macht aber eindeutig Appetit auf mehr.

Meine Kollegen in der Jury sind, mit einer Ausnahme, auch zum ersten Mal bei einer UNICA. Martin aus Tschechien, der als Professor an der Uni in Prag unterrichtet und selbst Dokumentationen dreht, Tarmo aus Finnland, Lehrer und der Einzige mit UNICA-Erfahrung, Alfons aus Spanien, pensionierter Reise-Agent und passionierter Musikliebhaber, und Mike aus England, pensionierter ehemaliger BBC-Mitarbeiter, mit dem man trotz des höchsten Alters in der Runde über jeden aktuellen Trend diskutieren kann. Unser Koordinator Rolf aus der Schweiz sorgt dafür, dass wir trotz des straffen Programms noch Zeit für uns haben, denn er nimmt uns bis auf den Toilettengang alles Weltliche ab. Nach jedem Vorführtag treffen wir uns noch zu nächtlichen Sessions im Hotel, um bei 134 Filmen im Programm nicht den Überblick zu verlieren.

Der zweite Tag in Blansko steht im Zeichen der gemeinschaftlichen Entdeckung des Umlandes. Ein organisierter Ausflug bringt uns von Höhlen über Schluchten und Dörfer in die lokale Brauerei, deren Bier wir schon die ganze Zeit trinken, nur nicht bei der Brauereibesichtigung.

Der zweite Vorführtag wird wieder dicht, mit abwechslungsreichem Filmprogramm und einigen kulinarischen Intermezzi, die die verschiedenen Ländervertreter für die Pausen organisiert haben – allen voran die Niederländer, die sich, nicht zuletzt weil sie nächstes Gastland der UNICA sind, mächtig ins Zeug legen. Das polnische Programm sticht an diesem Tag gleich morgens heraus, der osteuropäisch dominierte Nachmittag zeigt uns viele kritische Auseinandersetzungen mit aktuellen Themen überwiegend junger Filmemacher. Auch wenn deren filmisches Potenzial noch reift, setzen sie sich von den überwiegend braven westeuropäischen Traditionsblöcken deutlich ab.

Nachdem am Vormittag des vierten Tages Estland mit starken Spielfilmen aufzeigt, brechen wir am Nachmittag zu einem weiteren Ausflug auf. Wieder Höhlen, wieder Bier, aber jedenfalls ein Tag für die Gemeinschaft und Geselligkeit.

Und wieder beginnt ein Tag extrem stark, diesmal mit dem Programm von Schweden, auch Südkorea überzeugt mich. Nachmittags folgen Seminare, ein abendlicher Block mit solidem Programm aus Deutschland und Frankreich beschließt Tag fünf.

Am Vormittag des sechsten Tages ist es dann auch schon vorbei – nach einem starken und auch bitteren Block von Tunesien, der wegen fehlender Übersetzung leider nicht so wirkt wie er hätte können, haben wir die 134 Filme gesehen – allesamt höchstprofessionell präsentiert vom ausgezeichneten Veranstalter. Während des UNICA-Kongresses, der Vollversammlung des Verbandes, bei dem auch neu gewählt wird, ziehe ich mich am Nachmittag zurück und sortiere meine Eindrücke.

Während sich unser Film „Dry West“ von Dieter Leitner, Alfons Bochmetz, Karl Geier und Susanne Dušek zum Sieger des World Minute Movie Cups Runde für Runde zum verdienten Sieg arbeitet, brüte ich mit meinen Kollegen über den Filmen, von denen wir etwas mehr als ein Viertel für preiswürdig auswählen – also jene Filme, die entweder ein Ehrendiplom oder eine Bronze- bis Gold-Medaille erhalten.

Am Samstag, dem offiziellen Schlusstag, kommen wir noch einmal zu Wort und diskutieren einzeln alle Filme, die in die engere Wahl gekommen sind. In der Wertung stehen am Ende vier Filme ganz oben:

  • BARAKA – Néstor Ruiz Medina / Fernando J. Monge – Hauptbewerb – SPANIEN
  • FÕRSEGLAD TID (Sealed Time) – Tuna Õza – Hauptbewerb – SCHWEDEN
  • BOGDAN I RÓŻA (Bogdan and Rose) – Milena Dutkowska – Filmschule – POLEN
  • SÄDE – Rebeka Rummel – Filmschule – ESTLAND

Die diesjährigen Goldfilme reichten vom Kriegsschicksal (Baraka) zum Familienschicksal  (Säde) und von der  fast vergessenen Liebe (Bogdan and Rose) bis zur  ewigen Liebe (Sealed Time). Sie zeigten jeder auf seine Art, wie packend es für uns Zuschauer sein kann, wenn Geschichte und Erzählweise so perfekt harmonieren. Und warum ich dieses Hobby so liebe: für die Momente, in denen ich am Ende eines Films ausatme und mich einfach nur freue, dass ich ihn erlebt habe.

Bei der Preisverleihung am Abend wurden dann noch der britische Film PULSE von Gage Oxley als bester Jeunesse-Film ausgezeichnet. Dass die UNESCO-Medaille für einen Film, der Frieden oder Toleranz fördert, an den Film I HAVE TO SAVE THE WORLD A LITTLE von Peppe Andersson, der eine Botschafterin der Intersexualität portraitierte, war für die Jury relativ schnell klar. Die Vertreterin von Schweden, die den Preis entgegennahm, war dennoch zu Tränen gerührt. Diese waren noch nicht getrocknet, als es für Schweden auch noch, völlig verdient, den Preis für das beste Länderprogramm, also die höchste Auszeichnung der UNICA 2018, gab.

Auch wir Österreicher können auf unsere Erfolge stolz sein – wir waren eines der ganz wenigen Länder, die drei Filme in der Endwertung hatten und erreichten am Ende eine Bronzemedaille  (LEGO FEUER WASSER von Thomas Speckhofer) und zwei Ehrendiplome (D wie DOSTOJEWSKI von Jaqueline Rauter und SOUL FEVER BLUES von Alexej Sigalov). Zusätzlich entschieden wir auch noch den World Minute Movie Cup 2018 für Österreich (DRY WEST von Dieter Leitner, Alfons Bochmetz, Karl Geier, Susanne Dušek). Außerdem haben wir nach den Wahlen im Kongress nun mit Wolfgang Allin auch wieder einen Österreicher im Komitee vertreten.

Am Abend machte sich dann die große Entspannung breit, für mich als Juror ebenso wie für alle Ländervertreter und Juroren. Ich finde, das war eine tolle UNICA – ich habe viel erlebt, gelernt und gelacht! Und nächstes Jahr in Zeist in den Niederlanden bin ich wieder dabei.

Thomas Schauer

Hier gibt es die UNICA-2018-Ergebnisliste: www.unica-web.com/archive/2018/UNICA%20Palmares-2018.pdf

Hier gibt es UNICA-Filme zu sehen: www.unica-web.com/watch/cinema.html

Fotos: Dieter Leitner