49. Festival der Nationen 2021

49. Festival der Nationen 2021

Dieter Leitner im Gespräch mit Dave Lojek

Das 49. Festival der Nationen findet heuer vom 09. bis 14. September 2021  in Lenzing in Oberösterreich statt.

Susanne und ich besuchen das Kurzfilmfestival heuer zum zwölften Mal in Folge und sehen auch dieses Mal herausragende Filme, sind bei den Besprechungen der Jury, meist mit den anwesenden Autoren und auch dem Publikum dabei, treffen alte Filmfreunde und lernen neue kennen.

Unter den alten Bekannten ist Dave Lojek, eine schillernde Persönlichkeit und Hans Dampf in allen Gassen der KinoKabarets, auf Festivals in ganz Europa und darüber hinaus. Wir setzen uns zu einem Gespräch zusammen:

Sonntag, 13:00 Uhr. Dave und ich sitzen auf der Feuertreppe vor dem Kinosaal im Schatten. Bis zum Beginn der Filmvorführungen haben wir eine Stunde Zeit und ich bitte ihn, sich vorzustellen.

Dave: Also, ich bin Dave Lojek, geboren in Berlin-Köpenick. Ich habe, wie man im Faust sagt, “ausgiebig studiert und einen Magister” in Englisch und Kulturwissenschaft. Aus Interesse, auch als ich schon fertig war, besuchte ich gerne manche anderen Vorlesungen. Während des Studiums an der Humboldt-Universität machte ich bereits bei Filmen mit, damals in den Neunzigern noch analog auf Film und schnitt für Seminare Analysen der Fernsehwerbung.
2004 bekam ich eine Mini-DV Kamera zum Geburtstag geschenkt und fing selbst zu drehen an. Das Schneiden, dann schon mit nichtlinearer digitaler Technik, brachte ich mir selbst bei.

Dieter: Du bist im BDFA (Bundesverband Deutscher Film-Autoren) Präsident im Landesverband Berlin-Brandenburg. Wie kamst du mit dem BDFA in Kontakt?

Dave: Ich machte nach dem Studium, gerade in den ersten fünf Jahren, schon richtig viele Filme und reichte sie bei Festivals in ganz Europa ein. Zufällig sah ich im Fernsehen bei BR alpha ein Porträt des damaligen UNICA Präsidenten Georges Fondeur. Ich kannte das UNICA System noch nicht und habe ihn angeschrieben, ob ich meine Filme dort zeigen kann. Er sagte mir, dass das so nicht geht, sondern, dass man da nur hinkönne, wenn die Filme erst mehrere Instanzen durchlaufen hätten. Das probierte ich und trat in den Verband ein.

Dieter: Wie viele Filme hast du bisher gemacht?

Dave: Also, wenn ich alle zähle – die liefen nicht alle gut, manche nur ein paar Mal – andere über hundertfünfzig Mal dann sind es inzwischen 172 Filme. Ich bin wohl der meistgespielte Regisseur meiner Generation auf Filmfestivals der Welt. Gelegentlich verleihe ich auch Filme anderer Regisseure an Festivals, als Dienstleistung über meine Webseite.

Dieter: Nutzt du dein Netzwerk auch, um junge Leute auf den Verband aufmerksam zu machen?

Dave: Gerade in den letzten fünf, zehn Jahren werden wir durch die Überalterung immer weniger Mitglieder. Ich lade die jungen Leute, die ich von Festivals und Workshops kenne, immer zu mir nach Berlin zu den Open KinoBerlino Screenings ein und informiere sie über den Verband, aber es kommen und bleiben nur ganz wenige. Die hinter der ganzen Sache stehende Idee eines Verbandes und einer Mitgliedschaft kennen die jungen Leute oft schon gar nicht mehr. Dann kommt hinzu, dass es ja eigentlich kontraproduktiv wäre, sich mit jungen Filmautoren selber Konkurrenz zu machen.

Dieter: Das Festival der Nationen begann als “Amateur”-Filmfestival mit hauptsächlich nicht-kommerziellen Kurzfilmen. Unter dem Veranstalter Christian Gaigg hat es sich inzwischen zu einem professionellen internationalem Filmfestival entwickelt.
Die Filme des BDFA und des VÖFA* (Verband Österreichischer Film-Autoren) sind zu eigenen Blöcken innerhalb des Programms zusammengefasst worden. Wie stehst du dazu?

(* Leider gab es Aufgrund von Versäumnissen bei der Einreichung heuer, wie auch letztes Jahr, keinen VÖFA-Block.)

Dave: Es ist zu befürchten, dass die Blase um den Verband schrumpft und sich noch mehr abschottet. Das Festival hier bietet eine tolle Möglichkeit, mit den jungen Leuten, die was Beeindruckendes machen, zu interagieren und seine Perspektiven zu erweitern.
Das Schöne ist, dass die Besprechungen offen sind und gemeinsam diskutiert wird. 2017, als ich das erste Mal hier war, gab es vor dem Festival die Lenzinale – einen zweiwöchigen Film-Workshop, wo ich mit jungen Leuten arbeitete und sie ein Bisschen heranführte. Das machte viel Spaß und die Filme, die dabei entstanden, wurden beim Festival als Eröffnung in einem vollen Saal gezeigt.
Ich war anfangs auch skeptisch, dass dem Amateurfilm beim Festival weniger Raum gegeben wird, aber Christian Gaigg, der Festivaldirektor, hat eben den Anspruch und das Vorrecht, ein internationales Festival hier zu machen. Jüngere Festivalausrichter wissen oft gar nichts mehr vom sogenannten “Amateurfilm” weil die ja schon mit YouTube und Studentenfilmen aufwuchsen.

Dieter: Ich kann ja leider nur am Wochenende hier sein und habe den BDFA-Block am Freitag Vormittag versäumt. Du hattest einen Film dabei. Wie war der Block und wie ist es dir mit deinem Film ergangen.

Dave: Der BDFA Block war sehr typisch für alles, was in solchen Verbänden läuft. Hauptsächlich selbstgemachte Reisedokumentationen. Es gab wahrscheinlich schon hunderte Filme über Galapagos – aber der Hiesige war sehr gut. Es gab wohl auch schon mehrere Filme über Geysire, aber der Neue kam sehr gut an und gewinnt ja auch den Amateurpreis. Das sind wunderbare Naturspektakel mit bombastischer – manchmal etwas zu bombastischer – Musik und im Ganzen vielleicht auch manchmal etwas zu lang. Dann hatten wir eine Selbstparodie von Bernhard Zimmermann über einen Besuch der Berlin Art Week mit englisch imitierter Erzählerstimme, die mich deshalb gut unterhielt, weil man merkte, dass sich der Autor nicht so ernst nimmt.

Meinen Film “Begebenheiten fragwürdiger Signifikanz” machte ich bei einem KinoKabaret in Lublin in Polen. Es ist ein Maskenfilm, ein Theaterfilm über das Sitzen von Stadttieren an 8 Orten mit dem Anfangsbuchstaben “B”.
Er lief innerhalb eines Jahres jetzt schon auf 52 Festivals weltweit. Dieses Werk parodiert Studentenfilme, in denen oft verwirrte Menschen mit Tierköpfen einfach nichts Konkretes tun, im Stil der Postmoderne. Ich wurde im Osten (der ehemaligen DDR) geboren und die im Film immer wieder vorkommende Banane ist ein historisches Zitat. Es kam ja unter anderem deshalb zum Mauerfall, weil die Ostbürger Bananen haben wollten. Auch klebte Ende 2019 in Florida ein Künstler mit Gafferband eine Banane an die Wand einer Galerie und bekam 200.000 $ dafür. Bananentelefone gibt es wirklich, ebenso natürlich die Telefonitis als Syndrom der Millenials (Generation Greta).

Es ist schwer, zu beurteilen, wie der Jury der Film gefiel, weil das Gespräch und das Nachfragen und Erzählen nach dem Block ja nichts mit der späteren Bewertung zu tun hat. Aber sie klatschten alle amüsiert.

Wir plaudern noch etwas über Daves Film, das KinoKabaret in Lublin und die Dreharbeiten dort, bis wir die eigens komponierte Blasorchester-Fanfare aus dem Kinosaal hören, die uns zum nächsten Filmblock ruft und gehen hinein.

Bericht und Fotos von Dieter Leitner (gegengelesen von Dave Lojek)